Der Morgen am Wegesrand

5°° Uhr Morgens, Ablösung des Ostwachpostens der Station Polyanaskaja


Alexej schritt gemütlichen Schrittes durch die anhaltende Nacht. Die kalte Morgenluft in seinen Lungen konnte die Müdigkeit nicht aus seinen Augen treiben. Er gähnte beherzt und zog den Mantel enger. Seit Tagen war nichts passiert, Keine Umherziehenden, keine Infizierten. Der alltägliche Ablauf wurde routiniert und einseitig. Gar Langweilig. Öde.. es kotzte ihn beinahe schon an.

Der Kies unter seinen Stiefeln knirschte angenehm, die Nacht um sich herum noch in anhaltender Finsternis verschluckte die Bahngleise, die Straße, die Bäume. Nur ein schmaler Lichtkegel seiner Taschenlampe beleuchtete eine Wegkreuzung. Nahe der Bahngleise schob sich ein großer Schatten empor. Sandsack-Barrikaden mit Holz- und Metallspeeren versehen, umrandeten ein einfaches Holzgerüst. Provisorisch gebaut. Sah aus wie ein größerer Jagdstand. Eine Messingglocke zentral an der Decke der Plattform hängend, überragte zwei entgegen aufgestellte Maschinengewehre. Unter dicken grauen Planen ruhten sie, rastlos, wartend Fleisch mit ihren bleiernen Fängen zu zerreißen. Und eine kleine Feuertonne stand ebenfalls vor einigen Stühlen aus Plastik und Holz zusammengeschustert.


Der Ausguck war unbesetzt.. Warum?

Alexej hob eine Braue, als er den Außenposten erreichte und kein Licht aus jener Feuertonne die Holz-verstärkte Dachplane an flackerte. Der Suchscheinwerfer in Form einer Baustellenleuchte hing ebenfalls unbenutzt vom Holzgestell. Er brummte leise in seinen Kragen und kletterte über die Stufen des Turms hinauf.

„Dima? Dima, warum hockst du hier im Dunklen?“ Alexej kletterte über die Wand des Turmes und zog die Leiter an. „Dima?“ fragte er verdutzt. Der Posten war wirklich unbesetzt. Scheiße würde das wieder Ärger geben. Seit den Versorgungsengpässen zwischen der Polis in Primorsk, Der Staats-Instanz in Kirivograd und dem Fischerdorf Lyutyi, waren viele Einheiten abgezogen worden, um die verbleibenden Karawanen zu beschützen. Die Wachposten waren kontinuierlich unterbesetzt. In Sechs-Stunden-Schichten rotieren die Drei Fraktionen an jenem Posten nahe des Bahnhofs bei Lyutyi durch. Alexej, Dima, Siem und Ron.

Alexej rückte sein Gewehr von der Schulter und lehnte es an die südliche Wandverkleidung, dann entzündete er sein Zippo und steckte sich eine Zigarette an. Folgend wurde die Flamme an einen Stofffetzen gehalten und ins Feuerfass gelegt. Die Flamme wurde durch das zugegossene Öl und einige bereit gelegte Scheite angeregt. Das aufglimmende Licht erhellte den Außenposten nach kurzer Zeit.

„Dima, du blödes Arschloch.“ fluchte er erneut, brummelig zog er den Mantel enger und zog an seiner Kippe. Er setzte sich auf einen der beiden knarzenden Stühle, starrte in die Anhaltende Dunkelheit des frühen Morgens und atmete aus. Der Winter stand vor der Tür und die langen Nächte zogen bereits ihre eisigen Klauen durch die Winde. Raureif bildete sich bereits und der Frost färbte nachts auch seit Tagen den Asphalt in weiße Rosen.

Ein Knacken aus den Wäldern schreckte Alexej aus seinen Stuhl herauf. Er griff sich seine Kalasch und drehte den Scheinwerfer zur Herkunft der Geräuschkulisse. Scheiße, hatte er geschlafen? Er erlaubte sich einen Blick auf die Uhr und bemerkte das vielleicht fünfzehn Minuten vergangen sind. Er legte den Schalter um, nur um dann laut fluchend festzustellen, dass die Verdrahtung entfernt wurde.

„Scheiße DIMA! Komm raus aus deinen Versteck. Du hattest deinen Spaß gehabt. HAHA Wie witzig du doch bist.“ erneut raschelte und knackte es im Gebüsch. „Arschloch, Ich reparier nicht schon wieder den Scheinwerfer. Vergiss es.“

Nichts. Unheilvolle Stille. In der Ferne griff die Morgensonne bereits nach dem Mantel der Nacht. Und Alexej war immer noch angespannt. „Wenn ich dich finde, reiß ich dir den Arsch auf.“ er kletterte knurrend die Sprossen wieder hinab, richtete die Kalasch aus und machte die Taschenlampe an. Strengen Schrittes vorangehend, leuchtete er die Büsche ab, dann wieder auf den Weg. Da war Etwas.. Es reflektierte das Licht am Boden. Hülsen.. 45er.

Die Anspannung kroch in ihm hoch, wie eine Spinne. Er umfasste seine Waffe und ging leise voran. Dann sprang ihm eine Bewegung am weiteren Straßenverlauf ins Auge. Da ist etwas.. Er hob die Taschenlampe und fand Spuren von Blut und weitere Hülsen am Boden. Wieder 45er.. Leise trat er näher und hob die Lampe. „Dima? Bist du das?“

Es kniete eine Gestalt. Die Taschenlampe war mittlerweile so schwach das sie die Person nicht aus den Griffen der Finsternis entriss. Doch sie reflektierte einige markante Manschetten, die Alexej die Anspannung nahmen. Er ging mit gesenkter Waffe auf den Schatten zu. „Dima, du verdammter Schweinepriester.. Bist du noch ganz Dicht? Wenn der Kommissar davon Wind bekommt, knöpfen sie uns beide...“

Die Manschetten, welche wie Orden auf der Brust von Dima verteilt hingen, funkelten unter dem schwachen Lichtkegel und verbargen dennoch die ruckhaften Bewegungen nicht.

Jedoch ehe Alexej dazu kam sein Gewehr zu heben und im wilden Dauerfeuer aus Dima in eine bessere Stanzkarte eines Überstunden-geilen Schichtarbeiters zu machen, riss Dima ihn über die Straßenleitplanke. Sein Gewehr verfing sich in Gestrüpp und Alexej selbst schlug hart auf dem Bahngleisen auf. Alexej ächzte und spuckte aus. „Scheiße... Dima...“ er versuchte sich aufzurichten und blickte zu Dima. Der Körper lag verdreht auf den Gleisen, keinen Meter zu seinen Füßen entfernt. Sein Kopf lag im 60 Grad Winkel verdreht in Richtung seiner Stiefel.. Doch es dauerte nicht lange..

Dann hörte man sein leises Knurren. Sein Kopf reckte sich verquer empor und er fletschte die abgebrochenen Zähne. Blut rann seine geschundene Visage hinab und er kroch auf beinahe allen Vieren wie ein Tier auf Alexej zu. Jener versuchte an das Holster zu kommen, um sein Messer zu ziehen. „Dima, Scheiße.. Du verdammter Wichser.“ Der infizierte Dima schnappte und schlug auf Alexej ein. Seine verqueren Zähne imitierten ein Haifisch-Gebiss, welches nur durch einen Ellenbogen an der Kehle, von Alexej' s Kehle fern blieb.

Er schlug und wuchtete sich wieder und wieder auf Alexejs Körper nieder. Die Kraft in jenem lies spürbar nach. Das Schnappen wurde zu wilden Geifern und der blutbesudelte Sabber lief ihn zwischen der abgerissenen Unterlippe hinab.

Alexej schlug mit der freien Hand zurück. Ohne Wirkung wie es schien. Die dicke lederbeschlagene Faust fand sein Ziel daraufhin im Gesicht des Infizierten. Wieder und wieder. Die Nase knackte und bog sich unter schier endlosen Schlägen immer mehr gen Osten.

Und diesen Verdammten schien das nicht zu interessieren. Er spürte die Kraft in seinen Armen schwinden. Doch er wollte nicht sterben. Er sah sich hastig um. Dimas Messer.. Auf dem Rücken war das gebogene Haumesser in einer kunstvollen Lederscheide an seiner Weste befestigt. Aber dafür müsste er in gefährliche Reichweite gehen.. Es sei denn..

Er atmete zwei bis dreimal mit sich hadernd durch.. dann schlug er seinen linken Ellenbogen in die Visage des Unholds und spürte wie die gebrochenen Zähne, sich wie durch Schraubschlingen, in sein Fleisch senkten. Er presste sich entgegen und lies Dima keine Chance nachzuschnappen.

Dieser verbiss sich nur und begann das Fleisch zwischen seinen Zähnen wie ein tollwütiger Hund zu reißen. Er warf den Kopf hin und her und Blut quoll durch die Kleidung jener Weste. Muskelstränge rissen, karminroter Lebenssaft sprenkelte auf Alexejs Torso. Er bekam das Messer zu fassen. Er riss dieses von der Weste und schlug es ihm gegen den Kopf. Der Kalte Stahl gewickelt in dem festen Leder zeigte seine Wirkung nur kurz. Der Beißer taumelte und er schaffte es, Dima von sich weg zu treten.

Der immense Schmerz der pochenden Wunde.. das pulsierende Blut über seinen Arm hinab strömend.

Alexej schob ihn beiseite. Die Wut und das Adrenalin in seinen Adern , ließen ihn im Bruchteil einer Sekunde zum Gegenangriff übergehen. Er warf die Lederscheide beiseite und schlug mit den Messer in Dimas Schädel. Dima warf ihn um und hätte ihn wohl mit den Zähnen aufgerissen, Doch das Messer verfehlte den tödlichen Treffer in die Schläfe nicht. Leblos sackte der Kopf in Alexejs Schwitzkasten, und Er stach weiter auf ihn ein. Er spürte nichts.. Nur Wut. Rage. Keinen Schmerz. Er Stach und Stach und Stach.

Erst als das Adrenalin abebbte, spürte er, wie schwach er wirklich war.. Er realisierte die schlimme Verletzung.. Das Stück Fleisch das seinem Arm entrissen wurde, dieses Stück, das wie ausgesägt immer noch im Maul dieses Monsters klemmte. Er presste die Wunde zusammen.. Er taumelte..

Verdammt.. Ich will nicht Sterben..

Ich will nicht Sterben..

Es schoss ihn wieder und wieder durch den Kopf.

Er stolperte zurück zum Turm. Hielt sich den Arm. Fünf Meter vor der Barrikade fiel er auf die Knie. Seine Beine wollten nicht mehr.. „Dima...“ flüsterte er.. „Dima.“

Die Sonne warf ihre ersten Strahlen auf die Straße und erfüllte die Kreuzung in eine beinahe idyllische Landpanorama. Geblendet vom Sonnenlicht, fühlte er sich leicht. Die Wärme auf der nass geschwitzen, mit Blut besudelten Gesichtshälfte nahm ihn dem Schmerz.. Der Atem der kalten Luft warf immer schwächere Fäden in die Luft. Ein Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.

Er sah auf.

„Mama.. Papa.. Ich.... will.. nicht.. ster...“

Die Stimme brach und die Panorama schloss ihn ins Bild.

Kniend vor dem Turm..

Seinem Außenposten..


Noch 5 Stunden.. Dann machte sich Siem von der Polis auf den Weg.

Doch bis dahin.. könnte so manches Verborgene ihr zuvor kommen.

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