Sag mal weinst du oder ist es der Schnee?

Tagebuch des Ilja Schrablowski, Bahnwärter zu Kamyshovo a.D. | Eintrag 3


03:47 Uhr

Um mich herum herrscht finsterste Nacht, als ich schweißgebadet hochschrecke und instinktiv nach der FX45 unter meinem Kopfkissen greife. Erst kurz darauf registriert mein schlaftrunkenes Gehirn, dass ich auf dem blanken Laubboden liege.

Ich setze mich mühsam auf und kneife die Augen fest zusammen, um in der alles durchdringenden Dunkelheit etwas erkennen zu können. Aus dem Steinkreis, in dessen Inneren ich am Abend ein Lagerfeuer entzündet hatte, dringt jetzt nur noch ein schwaches, oranges Glimmen. Und drum herum: tödliche, unzivilisierte Schwärze.

Da ist nichts. Abgesehen vom widernatürlichlauten Pochen meines Herzens, liegt eine gespenstische Stille über dem Wald.

Für einen kurzen Moment hatte ich geglaubt, dass er nach mir rief.

Noch vor wenigen Tagen war es genau das, was ich mir so sehnlich wünschte, aber in diesem Moment bin ich mir absolut sicher, dass ich dadurch endgültig den Verstand verloren hätte.

Er ist fort und daran wird sich nichts ändern.


04:23 Uhr

Lügner. Er ist hier. Er kommt aus den Schatten gekrochen und schleudert meine Pistole unbarmherzig ins Unterholz . Er war hier. Die Erkenntnis reißt mich abrupt aus dem Schlaf.

Ich weiß es, weil er es weiß.
Beim Gedanken daran muss ich unwillkürlich lachen und ich lasse mich ungelenk zurück auf den nassen Boden sacken. Geistesabwesend greife ich in meine Gürteltasche und zaubere einen 12er Blister Kodein hervor. Nur drei oder vier davon und ich bin bereit für alles, was da kommen mag. Ich spüle sechs Tabletten mit einem halben Liter Bier herunter und nehme zur Sicherheit noch zwei Kapseln von diesem anderen Zaubermittel, das ich kürzlich in einer Apotheke in Staroye gefunden hatte. Er will mich in den Wald locken, aber ich bin schlauer als er.


04:59 Uhr

Ich hocke auf einem Felsen und die Welt um mich herum flackert in rotem Höllenfeuer. Und der Anblick brennt sich in meine Netzhaut.

In meinem Ohr höre ich das vertraute Knistern der Phosphorfakel, die ich in meiner rechten Hand halte.

Mein Mund fühlt sich wie ausgedörrt an. Ich greife von Sinnen in einen Haufen gefrorenen Schnees und stopfe mir einen Brocken davon in meinen Mund. Salz.

Diese Welt ist ein kalter, grausamer Ort geworden.

Hier bin nur ich - das letzte kleine, warme Zentrum.

Und er.

Warum tut er das?

Mein Unterbewusstsein schleudert das Bild, das zu verarbeiten ich mich bis eben erfolgreich geweigert hatte, aus der Tiefe meines Gehirns auf die Leinwand meines inneren Auges.

Gegen meinen Willen hebe ich den Blick und die Illusion fusioniert mit der Realität, als sich die beiden Bilder übereinanderschieben und zu einem verschmelzen.

Vor mir erstreckt sich ein schnurgerader Waldweg in die Ferne.

Zu beiden Seiten liegt unberührter Schnee und in diesem Moment reißt die Wokendecke auf und das unbarmherzige Mondlicht offenbart endgültig eine grausige Wahrheit.

Die ganze Welt um mich herum strahlt in fahlem Weiß. Jeder Baum und jeder Strauch ist von einer dicken Schicht dieser todbringenden Masse bedeckt. Alles. Überall.

Nur nicht dieser Weg.


05:16 Uhr

Der erste Kilometer. Ein guter Laufschritt macht einen freien Kopf. Mein Verstand war nie so klar wie in diesem Augenblick.

Überall das selbe Bild: verführerisch glänzende Lichter, die um mich herum tanzen und mich locken wollen. Vor mir die schwarze Schnur, der ich folge. Er hinterlässt keine Spuren. Aber ich weiß, dass ich ihm immer näher komme. Und bald wird er es sein, der vor Angst schreit.

Die Erkenntnis kam schleichend, doch jetzt weiß ich, dass ich für diese Aufgabe vom Universum ausgewählt wurde. Ich bin vorbereitet.


05:49 Uhr

Irgendwo auf den Wäldern von Chernarus treibt sich ein kranker Wahnsinniger herum, der die Wanderwege mit Salz bestreut und so von Schnee freihält. Man ist nirgendwo sicher.

Aber ich werde diesem irren Treiben ein Ende setzen.

Meine Finger schließen sich fester um den Stiel meines Morgensterns.