Gewürzgurken und ein Geist aus der Vergangenheit

Tagebuch des Ilja Schrablowski, Bahnwärter zu Kamyshovo a.D. | Eintrag 2


Es ist unvorstellbar, aber mittlerweile sind elf Jahre seit dem Ausbruch dieser Seuche vergangen.

Die Ereignisse nach dem Tag X waren irgendwo in meinem Unterbewusstsein verscharrt - sorgfältig eingeschlossen hinter einer Mauer aus Verdrängungskraft und Alkohol.

Und so wollte ich es ursprünglich auch bis an mein Lebensende halten.


Vor zwei Tagen befand ich mich auf meiner wöchentlichen Patrouillen durch die Umgebung, als sich die Vergangenheit, wie mit einem Vorschlaghammer, ans Tageslicht drängte.

Ich musste irgendwann in Tagträumereien verfallen sein, denn ohne mich erinnern zu können wie ich dahin geraten war, stand ich genau vor der alten Holzhütte meiner alten Babuschka Tajenka.

Völlig gebannt starrte ich auf die massive Birkenholztür, durch die ich in den Sommern meiner Kindheit so oft getreten war und die zu dieser Zeit, Kraft meiner kindlichen Vorstellungsgabe, mal zum Eingang einer Trollhöhle, mal zum Zugtor einer Ritterburg und hin und wieder sogar zur ersten Pforte der Hölle geworden war.

Die meisten meiner Cousins und Cousinen waren im Laufe der Ferien ebenfalls zu Besuch in Kamyshovo, sodass es nicht selten vorkam, dass fünf oder mehr Kinder gleichzeitig vor Ort waren. Und auch unsere Babuschka liebte diese Zeit. Bei gutem Wetter zelteten wir alle gemeinsam in ihrem Garten, rösteten Birnen über einem Lagerfeuer und lernten von ihr die Geheimnisse des Waldes zu entschlüsseln. Sie zeigte uns, wie man Füchse mit einem Luftgewehr verjagt, mit einem Grashalm Musik macht, ein Huhn ausnimmt und mimte für uns jeden erdenklichen Schurken in unseren Abenteuerspielen.

Und auch wenn mein Elternhaus nur wenige hundert Meter entfernt gelegen hatte, so kam es mir in diesen Wochen doch jedes Mal so vor, als befände ich mich auf einer Insel der Freiheit am anderen Ende der Welt. Die großen Ferien bei meiner Babuschka waren ohne Zweifel die glücklichsten Wochen meines Lebens.


Nachdem das Dorf im Chaos versunken - und die meisten seiner Bewohnerinnen und Bewohner auf grausame Weise verendet waren, war schließlich irgendwann eine gespenstische Ruhe eingekehrt.

Mehrere Tage hatte ich in einer Erdhöhle im Wald verbracht, von der aus ich das Grauen im Tal beobachtete und in denen mein Verstand krampfhaft versuchte nicht endgültig zu kollabieren.

Nichts von dem was ich sah ergab einen Sinn. Ehemals befreundete Nachbarn rissen sich gegenseitig in Stücke, der Wirt schleuderte brennende Flaschen durch geschlossene Fensterscheiben und lachte dabei wie ein Irrer, die Lehrerin wurde in ihrem Versteck von von Schulkindern überrannt und brach sich beim missglückten Sprung aus dem zweiten Stock ein Bein. Sekunden später war von ihr nichts mehr übrig gewesen. Erst als die letzten Feuer erloschen und die meisten Infizierten in Richtung Elektrozavodsk abgezogen waren, wagte ich mich ins Tal hinab.

Ich habe in den darauf folgenden Tagen viele meiner Verwandten und engsten Freunde in Babuschkas Garten begraben. Doch so sehr ich mich auch bemühte jeder Leiche tief in die Augen zu sehen und den Blick nicht abzuwenden - sie selbst war nirgends zu finden.

Bisher hatte ich es immer vermieden dieses Haus zu passieren. Zu viele Erinnerungen drangen hier auf mich ein.


Wie konnte es sein, dass ich jetzt -elf Jahre später- auf dieses Haus starrte und die in mir aufsteigende Panik bekämpfte, welche im Schlepptau der nicht länger zu unterdrückenden Erkenntnis auf mich eindrang:

Diese Tür dürfte nicht geöffnet sein.

Ich riss mich aus meiner Trance und warf mich in das nächstliegende Gebüsch. Mein Herz schlug plötzlich wie wild und der rationale Teil meines Verstandes versuchte die möglichen Szenarien durchzuspielen und sich auf eventuelle Gefahren einzustellen. Doch der andere Teil in mir übernahm langsam die Oberhand - ein Gedanke, der so überwältigend mächtig war, dass ich ihn unmöglich zurückhalten konnte:

Babuschka musste zurückgekehrt sein.

Als ich hinter den trüben Fenstern eine Bewegung wahrnahm, verabschiedete sich mein Verstand endgültig. Mein Magen rebellierte und jegliche Rationalität war aus meinem Körper entwichen.

Ich ließ meine Spaltaxt wie von Sinnen im Gebüsch zurück und wankte mit weit aufgerissenen Augen auf die Hütte zu. Meine Babuschka war da drinnen und sie würde mich beschützen und mir Tee machen. Wir würden ein Baumhaus bauen und einen Igel zähmen und...

Nur noch drei Schritte bis zur Tür.

Mit einem Donnerschlag kehrte die Klarheit in meinen Kopf zurück. Die Frau war zum Ausbruch der Epidemie 93 Jahre alt gewesen... selbst wenn sie -entgegen aller Wahrscheinlichkeit- das Massaker überlebt haben sollte, wäre sie heute weit über 100. Und selbst eine so resolute und körperlich resistente Frau wie sie, wäre inzwischen den Gefahren der Postapokalypse zum Opfer gefallen oder zumindest eines natürlichen Todes gestorben.

Zwei Schritte.

Von drinnen ertönte ein gedämpftes Poltern - Holz knackte und Glas splitterte. Eine Träne lief mir über die Wange. Aus den Tiefen meiner Erinnerung hörte ich Babuschka Tajenka fluchen. Als ich sieben Jahre alt war, hatte ich ihr beim Einlegen ihrer berühmten Gewürzgürkchen geholfen. Als ich gerade dabei gewesen war die Zwiebeln in grobe Stücke zu hacken, hatte ich genau das selbe Geräusch gehört. Eine der vielen Hofkatzen, ich glaube es war Minka, war bei der Verfolgung einer Spitzmaus ins Schlittern- und daraufhin direkt zwischen Babuschkas Beine geraten. Diese hatte das Gleichgewicht verloren und daraufhin reflexhaft nach dem Regal gegriffen, in dem die Einweckgläser fein säuberlich aufgereiht standen. Das Holz hatte nachgegeben und meine Babuschka wäre beinahe darunter begraben worden.
Glücklicherweise hatte sie sich dabei lediglich einen Knöchel verstaucht und ich hatte ein neues, sehr hässliches Wort gelernt, dessen öffentlicher Gebrauch mir und meinen Eltern später ein höchstgradig unangenehmes Gespräch mit der Lehrerin bescheren sollte.

Ein Schritt.

Die Gegenwart traf mich in Form eines lähmenden Schmerzes, ausgelöst von einer kalten, ledrigen Hand, die sich aus dem Nichts in meine Niere gebohrt zu haben schien. Außer mir vor Panik, stieß ich einen grellen Schrei aus, während mich die Wucht des Aufpralls auf die Seite schleuderte. Wild um mich tretend und schlagend, gelang es mir schließlich den Infizierten zu Boden zu ringen und mittels eines spitzen Steins das Innerste seines Kopfes nach Außen zu kehren. Noch völlig benommen ging ich auf die Knie und versuchte die Situation zu verarbeiten. Der Angreifer war von der Seite gekommen. Für gewöhnlich ging ich nie über eine Straße, ohne die Umgebung zuvor sorgfältig nach Gefahren zu untersuchen. Doch das Haus hatte mich wie magisch angezogen. Und mit einem Grausen begriff ich zwei Dinge.

Erstens: mein Schrei war im ganzen Dorf zu hören gewesen und hatte ein gutes Dutzend von diesen Dingern aufgeschreckt, die nun mit schneller werdenden Schritten auf mich zu kamen.

Zweitens: die Tür zu Babuschkas Hütte war noch immer unverändert angelehnt, was bedeutete, dass die Quelle des Lärms noch immer dort sein musste.

Und als sie sich schließlich quälend langsam öffnete, erschien aus der staubigen Dunkelheit ein Geist aus der Vergangenheit.


Ich kann die Ereignisse nur noch mit Mühe rekonstruieren, doch ich erinnere mich, dass mich der Geist am Kragen gepackt und zu sich in die Hütte gezogen hatte. Ich wimmerte nur noch leise in mich hinein, völlig außerstande das Geschehene zu begreifen und fügte mich meinem Schicksal. Ich weiß noch, dass geschossen wurde, erinnere mich noch an das Geräusch von platzenden Schädeln und wie das Kratzen an der Tür schließlich irgendwann nachgelassen hatte.
Was ich jedoch nicht mit Gewissheit sagen kann, ist wie das Einweckglas mit Gewürzgurken, das ich fest mit meinen Armen umklammert hielt und das auf mich eine seltsam beruhigende Wirkung ausgestrahlt hatte, dort hingeraten war.

Ich zuckte nicht mehr zusammen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte. Meine Welt war auf ein kleines Glas zusammengeschrumpft und ich war mir sicher, dass ich nun sterben würde. Nichts spielte mehr eine Rolle.


"Ilja?", fragte eine leise Menschenstimme. Langsam drehte ich den Kopf zur Seite und blickte der Gestalt in die Augen. Meine Augen. Unsere Augen.

"Cousin Uli.", hörte ich mich selbst monoton flüstern.

Und dann fiel ich in einen tiefen Schlaf

und träumte süß von sauren Gurken.

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