Ein Bahnwärter hinter Gittern

Tagebuch des Ilja Schrablowski, Bahnwärter zu Kamyshovo a.D. | Eintrag 1


Meine Familie lebte schon seit Generationen in Kamyshovo und so wie schon viele Familienmitglieder vor mir, arbeitete ich dort als Schrankenwärter an der einzigen Bahnüberführung des Ortes.

Eine sterbenslangweilige Aufgabe, da abgesehen vom 8:10er und dem 15:42er nur hin und wieder eine Draisine aus dem nahegelegenen Sägewerk durch unser verschlafenes Nest zuckelte und die meisten Bewohnerinnen und Bewohner eh die Schienen überquerten, wo es ihnen gerade passte.

Doch immerhin hatte ich ein bescheidenes, aber gesichertes Einkommen und auch die Uniform schien auf Olga, die Tochter vom Nachbarshof, eine gewisse Anziehungskraft auszuüben. Ich war zu dieser Zeit zwar schrecklich schüchtern, aber ich war kurz davor um ihre Hand anzuhalten. Ganz bestimmt.


Als ich eines Abends, es war der Spätsommer des Jahres 2009, in der örtlichen Bar zum wiederholten Mal vom Sohn des Metzgers beleidigt und tätig angegangen wurde, brannten bei mir endgültig die Sicherungen durch. Schon zu Schulzeiten waren wir oft aneinander geraten und an diesem Abend wollte ich dem Treiben dieses unverschämten Flegels ein für alle Mal ein Ende bereiten.

Wer hätte auch wissen können, dass der Bierkrug deutlich stabiler als sein hohler Schädel war.

Ich schwöre, dass ich ihm nur eine Lektion erteilen wollte, doch dummerweise starb dieser Idiot kurz darauf auf dem Weg zum Krankenhaus und ich wurde in der kleinen Polizeiwache Kamyshovo inhaftiert. Leider verfügte meine Familie nicht über die nötigen finanziellen Mittel, um die trägen Bürokratieräder in Bewegung zu setzen. So kam es, dass ich dort bereits 2,5 Monate auf die Aufnahme des Verfahrens wartete, als der Ausbruch der Seuche mein Leben ein weiteres Mal innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf stellen sollte.


Mein einziger Mithäftling war Dima, ein bekannter Landstreicher. Er hatte die Nacht mal wieder in der Ausnüchterungszelle verbringen müssen und schon bei seiner Ankunft war mir aufgefallen, dass seine Haut noch deutlich schlechter aussah, als in den Wochen zuvor. Sie wirkte nahezu blutleer. Und seine Augen hatten diese trübe Kälte ausgestrahlt.

Gegen Mitternacht gab es im ersten Stock ein fürchterliches Rumoren: Schreie. Schüsse. Zerreißender Stoff und knackende Knochen - gefolgt von einer gespenstischen Stille, die nur durch gelegentliche Schmatz- und Schlürflaute unterbrochen wurde. Zuerst dachte ich, dass ich vielleicht geträumt hatte, aber gerade als ich mich gegen die kalten Gitterstäbe presste, um in die verschlingende Schwärze des Treppenhauses zu spähen, gab es einen erneuten Knall und der Wärter kam, sich wieder und wieder überschlagend, die Stufen heruntergerollt.

Unten angekommen blieb er in einer übelkeiterregenden Pose liegen, die keine Zweifel ließ: der Mann war tot. Glücklicherweise war die Leiche nicht allzu weit entfernt von den Gitterstäben liegen geblieben, sodass ich mit ein paar Verrenkungen sein Handgelenk zu fassen bekam und ihn so zu mir heranziehen konnte. Was auch immer dort oben passiert war - ich war nicht bereit hier in meiner Zelle darauf zu warten ebenfalls so zugerichtet zu werden. Irgendwo in seinen Taschen mussten doch die verdammten Schlüssel sein.

Als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung aus Richtung der Treppe wahrnahm, verkrampfte sich mein Herz. Nur wenige Meter von mir entfernt, auf dem unteren Treppenabsatz, stand Dima und keuchte gurgelnd. Ich kniff die Augen zusammen, um ihn im Zwielicht besser erkennen zu können und sprach ihn an. Doch als Antwort stieß er lediglich einen unmenschlichen Schrei aus - ein Geräusch wie eine Lokomotive, die bei Höchstgeschwindigkeit eine Vollbremsung hinlegt. Und als ich das riesige, klaffende Loch in seinem Brustkorb erkannte, aus dem zähe Blutfäden und klumpige Fleischbrocken quollen, schrie auch ich...

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