Distanzmensch

Wenn ich meine wenigen noch nicht verdrängten Erinnerungen von damals durchgehe, habe ich das Gefühl, dass zwischen mir und meiner Vergangenheit Welten liegen. Welten, von denen ich nur in den seltensten Fällen einen Eindruck erhaschen oder eine Erinnerung behalten durfte. Das Einzige, was ich von damals mit ins Heute genommen habe, sind allen Anscheins nach die Zigaretten. Maximal erinnere ich mich im Detail an die Ecke, wo mein Hirn hätte kleben sollen.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich das alte Lager während des Sturms jemals lebend verlassen würde, ich hatte gefühlt, dass es mich töten wollte. Ich habe mich ans Treppengeländer des Turms geklammert und bin Stufe für Stufe ganz langsam und vorsichtig hinuntergegangen. Ich befürchtete, im letzten Moment zu stolpern und mir das Genick zu brechen. Als die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war, wusste ich intuitiv, dass es mit meinem Leben noch bis zu einem gewissen Punkt weiter Berg ab gehen würde. Deshalb konnte ich mich nicht freuen. Ich habe mich bis zum heutigen Tag nicht mehr in die Nähe dieses Lagers getraut, obwohl es das Naheliegendste wäre, um meinen Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen.


Gegenwart.


Die Überlebenden, Soldaten und Zivilisten leben in ihren Lagern nun enger zusammen als zuvor. Unter ihnen spüre ich Untermenschen wie Insekten auf der Haut. Spüre wie sie kriechen, krabbeln, kratzen und mich beißen. Sie sind wie der erste Kaffe der aufgrund zu vieler Zigaretten sich anfühlt wie Käfer in den Lungen. Gesichter namenlos, Blicke ausdruckslos, Tiefgefroren und Totgeboren. Am liebsten würde ich das Gewehr heben um die Gesunden von den Kranken zu trennen. Wie soll ich anders? Warum sollte ich anders? Wenn für mich all die tollen Mitmenschen nur noch Gegenmenschen sind. Vielleicht hab ich auch einfach zuviel erlebt, dabei jedoch auch nicht mehr als jeder andere.

Ich habe festgestellt, dass es sich bei diesem Leben im Allgemeinen, bei all seinen Problemen, ihren Lösungen, ihren Ursachen und den Auswirkungen diverser Handlungen lediglich um eine Folge von logischen Zusammenhängen handelt. Wenn ich A ausführe, wird B passieren, wenn ich C unterbinde, wird D niemals geschehen. Man kann dieses Spiel das ganze Alphabet hinauf und hinunter kreuz und quer durchspielen. Hierbei handelt es sich um keine Annahme, sondern um eine Tatsache, die nicht nur das Phantom der Angst fast völlig verblassen lässt, sondern dir auch dabei hilft, die Natur etlicher Gedankenverkettungen zu durchschauen. Das eigene Leben, sogar der eigene Kopf verwandelt sich durch dieses Denkmodell in ein Schachbrett, auf dem man seine Taten wie Figuren bewegt und man bewegt sowohl die weißen, als auch die Schwarzen Figuren.


Angst hingegen ist ein Zustand, in dem man der Fähigkeit, bewusst in die eigene Geschichte einzugreifen, beraubt wurde, oder sich freiwillig hat berauben lassen. Ich hatte das Glück, dass ich vor der Blütezeit dieser Entwicklung komplett zerstört wurde und für mich nur noch die Wahl zwischen Tod und Leben stand, mir die Entscheidung also ziemlich leicht gemacht wurde. Vielleicht habe ich einfach nur darauf gewartet, dass mein Leben endlich auf zwei Richtungen reduziert werden würde, die mir nicht immer eindeutig sichtbar vor den Augen lagen.


In der Siedlung, in der ich mich gezwungenermaßen an diesem Abend befand, sitzt mir am Lagerfeuer ein Ehepaar in den mittleren Jahren gegenüber, das damit beschäftigt ist, salzige und vor Fett nur so triefende Nahrung in schmatzende Munde zu schaufeln. Der Mann zerreißt ein gebratenes Huhn mit den Händen und leckt sich die Finger ab. Die Frau schnappt hastig nach einer Gabel, auf der sich wässriger Krautsalat aus dem eigenen anbau befindet. Die beiden erzählen mir stolz von ihren Blutwerten und behaupten, dass man, wenn man mit der Nahrung zu viel Salz aufnimmt, einfach mehr trinken müsse. "Ich trinke sowieso viel Bier," sagt der Mann und beißt in seine Hühnerkeule.


Ich kontrolliere kurz ein paar Register in meinem Kopf und komme schließlich zu der Feststellung, dass er den Satz, den er eben sagte, todernst gemeint hat und von der Richtigkeit dessen Inhalts überzeugt war. In meiner Phantasie schreie ich den beiden "Salz bindet das Wasser in den Zellen, du Idiot!" und "Alkohol gilt nicht als Flüssigkeit!" ins Gesicht. In der Realität halte ich meinen Mund und versuche, mir den Ekel, den die beiden in mir verursachen, nicht anmerken zu lassen.

Auf ihren hochroten Köpfen bilden sich über den zusammengekniffenen Schweinsaugen die ersten kleinen Schweißperlen. Angst beschleicht mich in dieser Situation lediglich in dem Augenblick, in dem ich mir eingestehen muss, dass diese beiden Menschen keinen blassen Schimmer davon haben, was in der Welt um sie herum passiert, oder es ignorieren und dass sie die Grenzen ihrer Köpfe niemals überschreiten werden.


Am Abend, im Bett beschleicht mich kurz ein Gefühl, das mich an Angst erinnert, ich habe dieses Gefühl an diesem Ort oft empfunden, es war eine Form von Angst, die ich vorher noch nicht kannte und die sich mittlerweile auf ein Minimum reduziert hat, beziehungsweise so gut wie gar nicht mehr vorhanden ist. Ich habe den Eindruck, dass unter der Zimmerdecke negative Energie hängt, die auf mich herabschaut. Sie wartet darauf, mich anfallen und auffressen zu können. Ich missachte völlig, dass es sich bei ihr möglicherweise um meinen eigenen Hass handeln könnte. Am nächsten Morgen muss ich mir eingestehen, dass ich nicht wirklich davon ausgegangen bin, während der Nacht von einem Klumpen Antimaterie gefressen zu werden.

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