Seite eins. Von 2008 bis 2010

Russland, Grenze in Richtung Deutschland. Eine Bettlerkaravane in einer Droschke im Jahre 2008.


Ein schrecklich schiefer Bettlerchor:


"Ein Lied ward geboren für den Russen von Hohn, einem Bettler, nen Schnorrer, ein hungernden Sohn! Herbei in unser Reich, du torkelnder Mann. Verlass' dein Land und schließe dich an! Wir ziehen mit Anstand, mit dir Hand in Hand!"


August ganz aufgeregt und schrill:


JA! Ich gaukel laut, ich spiel famos. Könnt ihr mich alle sehen? Der Bettelmann ist los! Trotzt dem Kriege, motzt die Ziege, motzt die Reichen an, frönt der Komik, tönt schon feurig, ich der Bettelmann! HAHA ja, die Bettler sind los, in die Stätte der Nacht! Wir plagen die Deutschen in ärmlicher Tracht! Den wir wollen Lumpensammler sein, mit edlem Philisterwein. Wir nennen ihn das Lebenspfand und schenken uns die Hand!"


Eine verkrüppelte Bettlmaid:


"Herbei unser Klotz, unser Puppenklotz, du ri-ra-rote Tanzfigur! Der August war voll Leben, er zerriss seine Fäden. Er war zwar kein Held, doch Kamerad, ein Kumpel in Statur!"


August und der Bettlerchor:


"So Spielt auf, ihr Bettler für das Ende der Zeit, Meißelt den Klang, der das Leben befreit. Spielt auf für die Zeit, die mein Leben verlangt! Stimmt das Leben an!"


August schrill und munter:


"Lach' für diese Bettlernacht, lach feig' Adel, lach' und lach! Klatsch' in eure Hände sacht', denn, klein Deutschland, dies ist Macht!"


Deutschland 2010, Dezember. Die Bettlerkaravane, versteckt in einem alten Haus zwischen Schutt und Asche


August in seiner Angst verschanzt:


"Vor meinem Fenster frisst Beton die letzten Farben auf. Der Wind macht um die grauen Zwinger einen großen Bogen. Alle Bäume sind mit Pech und Schwefel überzogen! Die Wolken formen Monumente blasser Sterblichkeit. Der Himmel spuckt auf ihre ausgestreckten, weichen Glieder. Der Weg hinauf aus dieser Hölle ist so unsagbar weit! Auf allen Straßen wandeln Tote, schweigend, ohne Augen. Die gelbe Haut hängt schlaff auf eingestürzten, kalten Wangen! Ich sehe Kinder die an Leder und Kadaver saugen! Diese Hölle existiert? Ja sie existiert auf Erden! In dieser Hölle herrscht die Angst, doch sie hat keine Ohren!"


Eine verkrüppelte Bettlmaid flüstert bang:


"Wenn der Nebel aus den Gräbern aus der feuchten Erde steigt und das Unheil aus den Särgen, in die kühle Freiheit kriecht. Wenn der Abend sich dem Ende, sich der Nacht entgegen neigt und die Luft nach Chrysanthemen und nach Eingeweiden riecht! Dann ist ihre Zeit gekommen, dann entsteigen sie den Särgen, lauern auf den Efeublättern die, die Friedhofsmauer säumen! Wenn der Vollmond schlanke Äste von der jungen Rinde scheidet und sich Wolken wie ein Netz, rund um die Weltenkugel spinnen!

Wenn das kalte Licht die Stämme sowie Knochenmänner kleidet und die Tropfen der Unendlichkeit durch schwache Finger rinnen. Dann erscheinen sie, das Ende auf der kargen Lebensbühne! Die, die keine Gnade kennen, keine Buße, keine Sühne! Sie gemahnen an den Abschied, an den letzten Tanz, den Schluss! An Gestank und an Verwesung und dem Maden zarten Kuss!"


August von Panik besessen:


"So fürchtet sie! Wo ihr auch geht, wohin ihr euer Köpfchen legt, wo immer Euer Bettchen steht! Vom tiefsten Keller bis zum Kreuz des höchsten Kirchenturms, sie leben und wir sterben im Zeichen des Todes!"


Doch im Chaos und Geschrei, ein Maschinen, Deutscher Todesschrei:


"Backe, backe Kuchen, die A.E.G.I.S kommt dich suchen! Wer will gute Leichen machen, der muss haben sieben Sachen! Feuer und Gas, Spritzen und Hass, Urnen und Stempel! Busse sammeln alle ein, in Hadamar erblüht die Pein!"


Der Bettlerchor:


"Der Bettlerbund glich einer Trotznation, einem Komikeid mit einem Launenlohn. Den Bettelbuben froren Wunden schon, mit Drang zum Ton und ihren bald vergessenen Liedern."

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