So viele Schienen, doch nirgendwo Züge...

Die Tagebücher des Ilja Schrablowski, Bahnwärter zu Kamyshovo a.D.

    Tagebuch des Ilja Schrablowski, Bahnwärter zu Kamyshovo a.D. | Eintrag 3


    03:47 Uhr

    Um mich herum herrscht finsterste Nacht, als ich schweißgebadet hochschrecke und instinktiv nach der FX45 unter meinem Kopfkissen greife. Erst kurz darauf registriert mein schlaftrunkenes Gehirn, dass ich auf dem blanken Laubboden liege.

    Ich setze mich mühsam auf und kneife die Augen fest zusammen, um in der alles durchdringenden Dunkelheit etwas erkennen zu können. Aus dem Steinkreis, in dessen Inneren ich am Abend ein Lagerfeuer entzündet hatte, dringt jetzt nur noch ein schwaches, oranges Glimmen. Und drum herum: tödliche, unzivilisierte Schwärze.

    Da ist nichts. Abgesehen vom widernatürlichlauten Pochen meines Herzens, liegt eine gespenstische Stille über dem Wald.

    Für einen kurzen Moment hatte ich geglaubt, dass er nach mir rief.

    Noch vor wenigen Tagen war es genau das, was ich mir so sehnlich wünschte, aber in diesem Moment bin ich mir absolut sicher, dass ich dadurch endgültig den Verstand

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    Tagebuch des Ilja Schrablowski, Bahnwärter zu Kamyshovo a.D. | Eintrag 2


    Es ist unvorstellbar, aber mittlerweile sind elf Jahre seit dem Ausbruch dieser Seuche vergangen.

    Die Ereignisse nach dem Tag X waren irgendwo in meinem Unterbewusstsein verscharrt - sorgfältig eingeschlossen hinter einer Mauer aus Verdrängungskraft und Alkohol.

    Und so wollte ich es ursprünglich auch bis an mein Lebensende halten.


    Vor zwei Tagen befand ich mich auf meiner wöchentlichen Patrouillen durch die Umgebung, als sich die Vergangenheit, wie mit einem Vorschlaghammer, ans Tageslicht drängte.

    Ich musste irgendwann in Tagträumereien verfallen sein, denn ohne mich erinnern zu können wie ich dahin geraten war, stand ich genau vor der alten Holzhütte meiner alten Babuschka Tajenka.

    Völlig gebannt starrte ich auf die massive Birkenholztür, durch die ich in den Sommern meiner Kindheit so oft getreten war und die zu dieser Zeit, Kraft meiner kindlichen Vorstellungsgabe, mal zum Eingang einer Trollhöhle, mal

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    Tagebuch des Ilja Schrablowski, Bahnwärter zu Kamyshovo a.D. | Eintrag 1


    Meine Familie lebte schon seit Generationen in Kamyshovo und so wie schon viele Familienmitglieder vor mir, arbeitete ich dort als Schrankenwärter an der einzigen Bahnüberführung des Ortes.

    Eine sterbenslangweilige Aufgabe, da abgesehen vom 8:10er und dem 15:42er nur hin und wieder eine Draisine aus dem nahegelegenen Sägewerk durch unser verschlafenes Nest zuckelte und die meisten Bewohnerinnen und Bewohner eh die Schienen überquerten, wo es ihnen gerade passte.

    Doch immerhin hatte ich ein bescheidenes, aber gesichertes Einkommen und auch die Uniform schien auf Olga, die Tochter vom Nachbarshof, eine gewisse Anziehungskraft auszuüben. Ich war zu dieser Zeit zwar schrecklich schüchtern, aber ich war kurz davor um ihre Hand anzuhalten. Ganz bestimmt.


    Als ich eines Abends, es war der Spätsommer des Jahres 2009, in der örtlichen Bar zum wiederholten Mal vom Sohn des Metzgers beleidigt und tätig angegangen

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